
Viele Menschen halten sich ein Pferd, weil sie gern reiten, einige sogar nur aus genau diesem Grund.
Bekannt ist natürlich, dass selbst Pferde nicht erwachsen zur Welt kommen und zunächst alles lernen müssen, was sie einmal machen sollen.
Schon haben wir den Salat, man kann sich ja schlecht auf so ein Fohlen drauf setzen und los geht es. Außer man ist Westernfan, damit sind natürlich Fans von Westernfilmen gemeint. In solchen sieht man Cowboys auf Pferde steigen, die noch nie einen Reiter auf sich hatten. Nach einigen Runden intensiven Buckelns ist das Pferd lammfromm und eingeritten.
Was jedoch niemals in solchen Filmen gezeigt wird, ist das Aufhalftern und Satteln.
Wie auch immer, Fohlen müssen einfach alles lernen. Man nennt es das Fohlen ABC. Kurz gesagt ist das Fohlen ABC im Prinzip NUR das Aufhalftern, die Halfterführigkeit, das Hufe geben und sich putzen lassen.
Fohlen sind so unglaublich putzige Tierchen, die man am liebsten nur bekuscheln würde, ihnen wird unendlich viel verziehen, denn irgendwann werden sie schon lernen.
Dieser Zeitpunkt ist bei einigen Pferden, wenn sie bereits schon lange unter dem Sattel gehen und dennoch der Meinung sind, dass sie für alles, was sie tun ein Leckerchen verdienen, dass sie die Führung übernehmen, beim Putzen ungeduldig scharren, die Hufe nicht anständig geben, oder gar beim Hufe auskratzen beißen. Ein weiteres Highlight von Pferden, die verzogen wurden, ist der Umgang mit Wasser.
Wasser? In Tränken ist Wasser ok, es ist auch vollkommen ok, wenn man als Pferd eine Pfütze findet und eher unbeobachtet darin planscht, doch sollte ein Mensch es wagen, Pferd nass zu spritzen oder ins Wasser zu bekommen, wird direkt mit dem Hinweis, es könne töten, gescheut, gebuckelt, gestiegen, zur Not auch getreten.
Aber alles halb so wild, denn immerhin kann an es ja reiten?
Weit gefehlt, meine Lieben, ein solches Pferd ist eine tickende Zeitbombe!
Seid euch bitte darüber bewusst, dass ein Pferd in der Lage ist, euch zu töten. Leider ist dies kein Scherz und selbstverständlich würde dies niemals absichtlich geschehen. Pferde handeln rein instinktiv, wenn sie also der Ansicht sind, dass Gefahr droht, werden sie alles machen, um aus der Gefahrenzone zu entkommen, sie sind letztendlich Fluchttiere.
Fluchttiere leben immer im Herdenverband und unterwerfen sich den Regeln der Herde. Es gibt ranghohe und rangniedrige Tiere. Den Rang eines Tieres erkennt man auch im übrigen Umgang, so sind ranghohe Tiere immer recht dominant, rangniedrige wesentlich gefügiger. Nichtsdestotrotz bleibt bei allen Tieren, egal, welchen Ranges der Fluchtinstinkt.
Damit wir mit den Pferden umgehen können, müssen wir ihre Regeln kennen und ihre Sprache verstehen.
Das wichtigste, wenn wir uns ein Pferd anschaffen, sei es als Eigentum oder als Reitbeteiligung, ist es, das Pferd kennen zu lernen und Vertrauen aufzubauen.
Vertrauen wird nur vom Boden aus erarbeitet! Das Pferd kennt in der freien Wildbahn nur den Feind auf dem Rücken. Dass es uns dennoch auf seinem Rücken trägt, haben wir dem Vertrauen und den Herdenregeln zu verdanken.
Und wieder sind wir beim Vertrauen angelangt, das man nur vom Boden aus gewinnt.
Bodenarbeit – einige verdrehen dabei die Augen, andere fangen sofort an zu erzählen, wie toll es ist.
Bodenarbeit deckt ein breites Spektrum ab. Bevor dieser Oberbegriff entstand, gab es bereits Bodenarbeit, die jedoch nach den einzelnen Lektionen benannt wurde. Das verbreiteste ist das Longieren, das macht in der Tat fast jeder, so denkt man.
Falsch, was wirklich ausnahmslos ALLE an Bodenarbeit leisten ist das Führen. Ein Pferd muss ständig geführt werden: Von der Box oder der Weide zum Putzplatz vom Putzplatz zum Arbeitsplatz, oder zumindest dem Punkt, an dem man aufsteigt. Vom Arbeitsplatz zum Putz- oder Waschplatz, von dort wieder in die Box oder auf die Weide. Das könnte man endlos fortführen, denn das, was wir tatsächlich täglich und sogar mehrfach mit unserem Pferd machen, ist führen.
Es gibt viele verschiedene Arten, ein Pferd zu führen, denkt man. Den einen läuft das Pferd hinterher, wobei man dies meist eher als ein hinterhertrotten bezeichnen könnte, die anderen werden von ihrem Pferd geführt.
Manchmal hat man das Glück, jemanden zu sehen, der auf gleicher Schulterhöhe mit einem entspannt, den Kopf gesenktem Pferd sehen kann. Auch wenn der Kopf mal hochgeht, ist es immer noch so lange richtig, wie das Pferd auf der Schulterhöhe seines Menschen bleibt.
Es ist kein Zauberwerk, ein Pferd genau dorthin zu bekommen. Doch es muss erarbeitet werden, das Pferd braucht das Vertrauen, um so neben seinem Menschen herzulaufen. Wenngleich diese Art des Führens partnerschaftlich wirkt, so ist der Mensch in dem Fall derjenige, der den Ton angibt, das Pferd vertraut ihm.
Wenn wir uns ein Pferd anschaffen, glauben wir, es müsste das Geführtwerden kennen. Oftmals ist es so, manchmal aber auch nicht. Es ist vollkommen egal, ob es halfterführig ist oder nicht, denn zu seinem neuen Menschen muss es erst mal das Vertrauen aufbauen, um sich anständig führen zu lassen.
Ihr müsst immer bedenken, das Pferd hat Angst, es hat Angst, dass ihr ihm in Gefahrensituationen nicht helfen könnt.
Aber wie um alles in der Welt baut man Vertrauen zum Pferd auf?
Achtung, jetzt wird es wirr: Spazieren gehen!
Aber wie zur Hölle…?
Das Prinzip ist relativ einfach. Wenn man das Pferd abholt, sollte man es selbst zum, möglichst sogar auf den Hänger führen. Letzteres geht meist leider nicht, davon sollte man sich jedoch nicht abschrecken lassen. Angekommen, ist man auch die Person, die das Pferd vom Hänger in die neue Residenz führt. Es ist übrigens fast immer eine Box, auch im Falle eines Offenstalls verbringt das Pferd seinen ersten Tag zumeist in einer Separierungsbox, bzw. auf einem Separierungspaddock. Selbstverständlich mit Blick- und Riechkontakt zu anderen Pferden.
Doch so ein Umzug ist für ein Pferd purer Stress, es ist nicht in der Lage sich direkt in eine neue Herde zu integrieren.
Als neuer Besitzer sollte man an diesem Tag nichts mehr mit dem Pferd machen, ein ganz klein wenig betüddeln noch um es anschließend in Ruhe ankommen zu lassen.
Der nächste Tag beginnt wieder mit führen, ja es nimmt kein Ende, man ist ständig dabei, sein Pferd zu führen.
An diesem Tag sollte man mit kleineren Aufgaben beginnen. Das Pferd muss erst einmal alles kennen lernen, zu diesem Zweck führt man es in aller Ruhe über das gesamte Areal, lässt es alles anschauen und beschnuppern.
So geht es Tag für Tag und Schritt für Schritt weiter. Selbst, wenn ihr das Pferd bereits reitet, geht möglichst täglich zusätzlich mit ihm spazieren und lasst es das neue Areal, und so auch das Gelände erkunden.
Doch wie schafft man es nun, dass es irgendwann entspannt neben einem herläuft?
Ich persönlich tendiere zur positiven Konditionierung. Das geht leider nicht immer, da man in Gefahrensituationen durchaus auch durchgreifen muss, jedoch bitte wirklich nur in Gefahrensituationen.
Sobald das Pferd sein Areal besser kennt, haltet ihr es von dem ständigen beschnuppern ab. Ihr kennt das Areal und wisst, dass keine Gefahr droht, das Pferd muss euch glaube! Geht selbstbewusst, den Blick in Laufrichtung, das Pferd wird beim Führen niemals angeschaut, schließlich seid ihr damit beschäftigt, die Gegend zu erkunden und für euch zu sichern. Zieht das Pferd nicht. Will es nicht vorwärts gehen, geht ihr mit ihm einen Schritt zur Seite, danach wieder nach vorn. Ihr ermuntert das Pferd vorwärts zu gehen, indem ihr den Strick vorgebt und eure Schultern ein wenig nach vorn stellt, als wolltet ihr losgehen.
Läuft es euch davon, zieht nicht hektisch am Strick, lieber mehrfach kurz hintereinander am Strick rucken, das erhöht die Aufmerksamkeit.
Wichtig ist zudem das richtige Maß. Immer wieder sehe ich Menschen, die den Strick direkt unterhalb des Karabiners halten, das ist ein absolutes Unding! Der Strick sollte immer locker gehalten werden können, damit das Pferd weiß, wann es richtig läuft, nämlich in dem Moment, in dem es keinen Druck von euch spürt. Ebenfalls ist es zu eurer eigenen Sicherheit, haltet ihr den Strick zu kurz, besteht ständig die Gefahr, dass euch das Pferd in die Hacken oder auf die Füße tritt. Eine weitere Gefahr besteht, wenn das Pferd erschrickt oder stolpert, es hat keinen Spielraum um auszuweichen, es könnte passieren, dass das Pferd über euch stolpert.
Da das Pferd immer eine Armlänge Abstand zu euch halten sollte, sollte der Strick noch etwas mehr Spielrau aufweisen, damit ihr es ohne Druck führen könnt.
Für das Führen im Stallareal, sowie das Anbinden solltet ihr einen Panikhaken a Führstrick haben, beim Anbinden ist dieser unerlässlich, da sich das Pferd in einer Gefahrensituation ansonsten schwerwiegend, bis hin zum Genickbruch verletzen kann. Führt ihr außerhalb des Stallareals, nutzt bitte einen Karabiner oder einen Bullenhaken, es kommt immer wieder vor, dass man, wenn man einen Panikhaken verwendet, plötzlich ohne Pferd dasteht.
Immer, wirklich absolut immer, wenn das Pferd etwas richtig macht, lobt ihr es, gern auch überschwänglich.
Wie ihr lobt, ist eure Sache, ein stimmliches Lob sollte aber in jedem Fall immer dabei sein.
Ich nutze sehr gern das Clickertraining. Der Clicker lügt nie! Das soll heißen, dass es sein kann, dass ihr das Pferd zwar gerne loben möchtet, eure Stimme nach dem 100. Versuch eher gequält klingt, dann hört lieber aus, stimmlich zu loben.
Clickern muss nicht unbedingt mit einem Fresslob erfolgen, doch über das Fresslob bekommt man wirklich JEDES Pferd. Auch ein Streichellob wird gerne genommen.
Wenn euer Pferd dann immer öfter genau auf eurer Schulterhöhe läuft, nicht mehr alles beschnuppert, verlängert ihr die Zeiten, bis ihr lobt.
Es kann immer wieder vorkommen, dass euer Pferd mal unaufmerksam wird, oder sich an einem Tag nicht so gut führen lässt. Habt ihr einen solchen Tag erwischt, verkürzt ihr wieder die Zeiten von Lob zu Lob, wenn es offensichtlich eher nervös ist. Merkt ihr jedoch, es ist erschöpft, beendet das Training. Versucht zuvor noch einen positiven Abschluss zu finden, denn nur ein positiv beendetes Training wird euer Pferd für das nächste Training motivieren.
Bodenarbeit ist für Pferde sehr anstrengend, egal, was ihr macht, sogar führen! Denn Bodenarbeit ist für Pferde viel Kopfarbeit und Kopfarbeit strengt Pferde wesentlich mehr an, als reine Körperarbeit.
Beginnt mit sehr kurzen Einheiten, am Anfang reichen fünf bis zehn Minuten. Auch im späteren Verlauf solltet ihr darauf achten, niemals zu lange Trainingseinheiten einschleichen zu lassen, nach spätestens 30 Minuten solltet ihr eurem Pferd Ruhe gönnen.
Wenn ich mit einem Pferd in der Halle oder auf dem Platz Bodenarbeit mache, ziehe ich das Pferd aus, wenn es etwas anhat, denn oft mache ich reine Freiarbeit mit dem nacktem Pferd, und überlasse es sich selbst.
Ein großer Erfolg ist es, wenn sich das Pferd dann wälzt, es sei denn es ist ein Haflinger, ein Haflinger hat eigene Regeln und wälzt sich immer!
Im freien Feld, also beim Spazierengehen, gestatte ich dem Pferd sein Umfeld zu beschnuppern und gar zu grasen, denn so ist es auch in gewissem Maße sich selbst überlassen und weiß, dass das Training beendet ist, obwohl es noch am Halfter ist.
Eine Bitte: Macht aus dem Spaziergang keinen Event, die komplette Familie mit Kinderwagen, Fahrrädern oder ähnlichem rauben dem Pferd zu viel Aufmerksamkeit, es kann sich so schlechter konzentrieren.
