
Wir alle kennen diese Typen, die wissen nicht nur alles, sie können auch alles. Dies selbstverständlich wesentlich besser als alle anderen.
Tatsächlich jedoch sind sowohl Wissen, als auch Können absolut am unteren Rand angesiedelt. Man möchte weder deren Tipps, noch deren tatkräftige Unterstützung.
Der Lebensraum solcher selbsternannten Experten muss keine besonderen Merkmale aufzeigen, sie finden sich in allen Arealen zurecht und können dort gut leben. So ist es nicht verwunderlich, dass ihre Verbreitung bis in den letzten Winkel unseres Planeten zu vorangeschritten ist. Daher sind sie auch in jedem Stall vorzufinden, in wirklich jedem.
Meist sind es selbst Pferdebesitzer, zumindest aber Reitbeteiligung oder sie hatten mal ein Pferd. Welche Form genau auf sie zutrifft ist dabei vollkommen egal, denn eines ist sicher, die arme Kreatur, egal ob jetziger oder ehemaliger Eigentum oder Reitbeteiligung, ist in jedem Fall ihr Pferd. Und was für Wundertiere sie haben!
Nicht nur, dass sie ihr Pferd selbst eingeritten haben, ihr Pferd hat den besten Ausbildungsstand des kompletten Bestandes, ihr Pferd ist am besten erzogen und sie wissen ganz genau, wie man ein Pferd hält!
Dass man Heulage nicht füttert, da die Pferde davon zu temperamentvoll werden, man besonders empfindliche Pferde wie Tinker von Null auf 5 Stunden beweiden kann, Eisen deshalb genutzt werden, da man einen Stollen hat und somit im Gelände nicht rutscht, tut schon wahnsinnig weh. Aber glaubt mir, es geht gar schlimmer!
Kurze Anmerkung für diejenigen, die nicht genau wissen, was in der letzten Passage gemeint ist:
Heulage bekommt nicht jedem Pferd, viele Pferde bekommen Magenprobleme. Es gibt aber auch jene Pferde, die mit Heulage besser zurecht kommen, als mit Heu, da Heulage einen gewissen Feuchtigkeitsgehalt hat und dadurch für diese besser zu fressen ist, bzw. weniger staubt.
Es gibt aber noch andere Dinge, die gegen die Fütterung mit Heulage, statt Heu sprechen. Giftpflanzen, allem voran Jacob – Kreuz – Kraut wird von Pferden in der Heulage nicht als giftig erkannt, dies ist tödlich!
Da Heulage foliert wird, kann es sein, dass tote Tiere, Mäuse oder ähnliches mit foliert werden. Heulage muss nach der Entfernung der Folie so schnell als möglich verfüttert werden, da sie ansonsten gären kann.
Niemals jedoch, absolut niemals greift Heulage in der Form ein, dass ein Pferd temperamentvoller wird! Rinder werden immer mit Heulage oder Silage gefüttert, man hört selten von sonderlich temperamentvollen, aufgedrehten Kühen.
Das Anweiden im Frühjahr ist IMMER mit Vorsicht zu genießen! Es gibt Pferde, die ganzjährig beweidet werden, diese haben in der Regel keine Probleme mit dem raschen Anweiden im Frühjahr. Ansonsten gilt für alle, langsames Anweiden. Gerade im Frühjahr, wenn die Sonnenzeiten länger werden und das Gras anfängt, richtig zu sprießen, ist das Gras gestresst – ja, das nennt man wirklich so. Der Fruktangehalt ist sehr hoch und kann bei Pferden zu Stoffwechselerkrankungen führen. Hufrehe ist eine der häufigsten Stoffwechselkrankheiten bei Pferden. Hatten sie einmal einen Reheschub, ist es mit der schönen Weidezeit vorbei. Stoffwechselerkrankungen sind nicht heilbar, lediglich symptomfrei kann an ein Pferd bekommen. Man kann zwar auch Rehepferde beweiden, doch dies hat ganz eigene Regeln, auf die ich hier nicht näher eingehen möchte.
Es gibt Pferde, die besonders anfällig für Rehe sind, hier möchte ich in dem Rahmen nur kurz erwähnen, dass es jene Pferde mit hellen Hufen sind, die von Natur aus gefährdeter sind, ebenso Pferde, die nur zum „Rasenmähen“ eingesetzt werden.
Bewegungsstarke junge Pferde sind am wenigsten betroffen.
Hufeisen sind ein Hufschutz, kein Schutz vor wegrutschten! Klar, Stollen wirken dem rutschen entgegen, aber der sicherste Rutschschutz ist der Barhuf, nicht der Stollen. Ob ein Pferd einen Hufschutz benötigt ist individuell vom Pferd und dessen Einsatz abhängig.
Aber damit ist bei den Allwissenden noch lange nicht Schluss!
Es ist so, dass sie wirklich ALLES wissen! Sie sehen sich als DEN Horseman!
Horseman ist natürlich absolut von sich überzeugt, und geht auf jedes Pferd zu. Da Horseman so unfassbar talentiert ist, macht Horseman einfach alles falsch: Mit direktem Augenkontakt, nach vorn gestellten Schultern und erhobenen offenen Händen geht Horseman auf Pferd zu. Pferd bekommt selbstverständlich Panik, da es fest davon überzeugt ist, es hier mit einem Raubtier zu tun zu haben.
Schrickt Pferd zurück, stampft Horseman mit dem Fuß auf, damit Pferd erst recht zurückspringt.
Aber wir anderen sind alle zu blöd, genau so geht man mit Pferden um.
Horseman weiß auch ganz genau, dass man Pferden ihren Willen lassen muss, schließlich sind Pferde freiheitsliebende Tiere. Wenn Pferd der Meinung ist, es möchte lieber jenen Weg einschlagen, dann schlägt man ihn Weg ein.
Horseman kann von Glück reden, dass sein IQ so niedrig ist, dass er nicht weiß, wie genau das Herdenprinzip funktioniert und er nun der rangniedrige Part der Herde ist.
Diesen niederen Rang behält Horseman, es wundert, dass er bislang überlebte.
Horseman weiß selbstverständlich, wann so ein Pferd angeritten werden muss, schließlich hat Horseman auch sein Pferd selbst eingeritten. Und wir alle wissen, Pferd vom Horseman genoß die beste Ausbildung!
Horseman schwankt da zwar manchmal ein wenig und erzählt das eine Mal, er habe Pferd mit 2,5 Jahren angeritten, das nächste Mal, nachdem man Horseman einen Vortrag über Wachstum, Rücken, Muskulatur und Trageerschöpfung hielt, hat er Pferd mit 3,5 Jahren angeritten. Aber das ist auch wirklich der absolut späteste Zeitpunkt! Noch länger warten ist absoluter Blödsinn!
Horseman kann natürlich auch von allen am besten reiten! Überhaupt ist reiten das einzige, was man mit einem Pferd macht. Bodenarbeit ist nichts für Pferde, dabei langweilen sie sich zu Tode! Horsemans Pferd, sagt Horseman, möchte keine Bodenarbeit machen, es möchte lieber geritten werden!
Ich weiß, dass sich das Gerücht, Pferde seien dumm hartnäckig hält. Pferde sind Herdentiere und funktionieren daher nach genau diesem Prinzip. Das bedeutet natürlich auch, dass Pferde sich dem stärkeren Part unterordnen, dies wirkt in der Tat etwas dümmlich.
Bei der Bodenarbeit geht es zwar weitaus ruhiger zu, als beim reiten, dennoch kann man beobachten, dass ein Pferd bereits nach einer kürzeren Arbeitszeit erschöpft ist. Dies rührt daher, weil sie bei der Bodenarbeit viel Kopfarbeit leisten müssen.
Pferde die viel vom Boden aus gearbeitet werden, sind wesentlich schlauer, als reine Reitpferde.
Da Horseman jedoch der Meinung ist, dass Pferd nur zum reiten da ist, wird jeder, wirklich absolut jeder, überredet zu reiten. Da wird auch nicht darauf geachtet, ob Pferd reitbar ist oder das Gewicht des potentiellen Reiters tragen kann. Pferde sind Reittiere und können immer und von jedem, egal welcher Statur, geritten werden.
Horseman hat bereits vielen Leuten das reiten beigebracht! Denn Horseman kann am besten von allen reiten! Das hat sogar der Reitlehrer in der einzigen Reitstunde, die Horseman je hatte bestätigt!
Eine einzige Reitstunde benötigte Horseman lediglich, eine! Der Reitlehrer nahm Horseman zunächst an die Longe, löste diese jedoch bereits nach 20 Minuten und erklärte Horseman, dass Horseman ALLE Türen offen stehen, egal ob Dressur, Springen oder reine Freizeitreiterei, Horseman braucht NIE wiederkommen!
Ihr Lieben, diesen Satz, nutzen Trainer, wenn sie einen absolut talentfreien Menschen auf dem Pferd haben. Leider ist es so, dass Reitschulen und Trainer in der Hauptsache von Mundpropaganda leben. Daher wählen Trainer fast ausschließlich positiv besetzte Floskeln und hoffen, diesem talentfreien Schüler nie wieder begegnen zu müssen.
Ich weiß, dass dies der absolut falsche Weg ist und sich talentfreie Menschen so bestätigt fühlen und sich weiterhin auf Pferde setzen.
Ich bevorzugte im Schulbetrieb zwar lieber die Floskel, ist sei komplett ausgebucht, besser macht es das ganze jedoch nicht. Obwohl auch ich eine unglaublich talentfreie Schülerin hatte, der ich immer wieder bestätigte, dass sie die beste der gesamten Gruppe sei und eigentlich den Unterricht nicht benötige. Diese ständige falsch positive Bestätigung ist einer der Gründe, nicht mehr im Schulbetrieb zu arbeiten.
Leider kann sich das Pferd selbst kaum wehren und hat auch kaum eine Lobby, schließlich ist es ein Nutztier. Mir persönlich ist Fairness gegenüber dem Pferd sehr wichtig.
Dennoch mische ich mich erst ein, wenn ein solch selbsternannter Horseman mir dermaßen auf die Nerven geht, dass ich mich nicht mehr zurückhalten kann.
So lange hoffe ich einfach nur, dass Horseman sich von mir und meinen Pferden fern hält.
Ach, Horseman beendet jegliche Diskussion am liebsten mit „Punkt!“.